Full text: Neue Folge Band 60 (1974)

585 NZ 30431 -59/62 Universitätsbibliothek  
Diktierte Option. Die Umsiedlung der Deutsch-Balten aus  und  1939-1941. Do 
kumentation, zusammengestellt und eingeleitet von Dietrich. A. Loeber. Sonderforschungsbereich 
„Skandinavien- und Ostseeforschung“ an der Universität Kiel.  Verlag Neumün 
ster. 1972. 798 Seiten, broschiert. 96,- DM 
Der erste große Exodus des baltischen Deutschtums gelangte 1918/19 zumeist über  in 
das  über Swinemünde und  Viele Balten blieben damals in Pommern, in 
 schufen sie sich mit der „Baltenschule“ ein Zentrum der Stammeskultur. Die zweite Welle 
aber, die praktisch das Ende des Deutschtums in den baltischen Landen bedeutete, berührte  
nur am Rande. Die Umsiedlungen von 1939, 1940 und 1941 - von einer „Heimkehr ins 
Reich“ zu reden, wie es damals in der Sprachregelung der Hitler-Zeit üblich war, ist einiger 
maßen absurd, waren doch die ältesten deutschen Geschlechter des Baltikums über 700 Jahre im 
Lande ansässig gewesen - nahmen ihren Weg meist über  und das damalige Gotenhafen 
in den sog. Reichsgau  Nur ein kleiner Nebenarm dieses Stromes gelangte für kurze 
Zeit nach Pommern, meist in die Stettiner Gegend. 
Der Auszug der Deutschen war ein Teil der großen Umsiedlungsaktionen des Deutschtums aus 
 die von Staat und Partei im NS-Deutschland planmäßig organisiert wurden, nachdem 
das  und die Sowjetunion 1939 mit dem Hitler-Stalin-Pakt ihre Interessensphären 
abgegrenzt hatten und die Baltischen Staaten, wie auch  der sowjetischen Einflußzone 
zugeschlagen worden waren. 
Die deutschbaltische Umsiedlung war, wie die meisten anderen Umsiedlungen aus  
unter diesem Aspekt eine Rettungsmaßnahme, sie war aber auch eine Aktion im Interesse von 
Hitlers Machtpolitik, solle sie doch der Besiedlung und Germanisierung der eroberten polnischen 
Gebiete dienen. Es mischten sich in ihr also verschiedene Elemente, je nachdem, ob man sie vom 
Standpunkte der Umgesiedelten selbst oder von dem des nationalsozialistischen Imperialismus 
aus sah. 
Der Kieler Völkerrechtler Prof. Dr.  gibt seiner umfangreichen Dokumentation 
zu diesem Thema den eindeutigen Titel „Diktierte Option“, womit er aber, wie gesagt, nur einem 
der Aspekte der Umsiedlung gerecht wird, der vom Machtdenken bestimmten, nach Osten gerich 
teten Expansionspolitik des Hitler-Staates. Die Umgesiedelten selbst haben das in ihrer großen 
Mehrheit nicht so empfunden: für sie gab es einfach keine Alternative. Ein Verbleiben in der 
Heimat hätte für viele, wahrscheinlich sogar für die Mehrheit von ihnen, den sicheren Tod oder 
die Verbannung in den Osten des sowjetischen Riesenreiches bedeutet. So ist denn auch die Arbeit 
von Loeber vor allem wohl wegen ihres herausfordernden Titels in deutschbaltischen Kreisen z. T. 
heftig angegriffen worden. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß die Umsiedlung von der 
überwiegenden Mehrheit der Deutsch-Balten als eine Rettung, nicht als ein Diktat empfunden 
wurde. 
Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß ein großer Teil der Umgesiedelten, soweit sie in die 
eroberten Gebiete  Posens usw. kamen, nach kurzer Zeit von der Wirklichkeit in 
dem neuen Siedlungsgebiet enttäuscht, ja abgestoßen wurden und dann, zu spät, erkannten, daß 
sie lediglich ein Werkzeug der rigorosen Germanisierung des polnischen Landes wurden. 
Im Grunde kommt dies auch in der Einleitung Loebers zu seiner Dokumenten-Publikation und in 
den Dokumenten selbst zum Ausdruck, und so ist es müßig, lange über den Titel des Buches und 
einzelne Passagen der Einleitung zu debattieren: der Wert der Publikation liegt vor allem in der 
Fülle der von Loeber in 15jähriger mühevoller Arbeit zusammengetragenen Materialien, von 
denen der überwiegende Teil bisher noch nicht veröffentlicht war. 
Loeber meint mit Recht, daß es für die Darstellung der zu Beginn des 2. Weltkrieges organisier 
ten Umsiedlungen des osteuropäischen Deutschtums gerade am Beispiel  und  
gute Gründe gäbe. „Diese Umsiedlung bildete den Auftakt zu der vom Dritten Reich vorgesehe 
nen ethnographischen Neuordnung  ... Die Aussiedlung aus dem Baltikum besaß somit 
in mancher Hinsicht einen Modellcharakter.“ 
Ausgesiedelt wurden in mehreren Schüben von 1939 bis 1941 insgesamt etwa 84 000 Deutsch- 
Balten, zu denen noch Deutsche aus Litauen hinzuzuzählen wären. Die pommerschen Bezüge sind 
wie gesagt, spärlich. Die großen Einwanderungszentralen waren in Gotenhafen und Posen, Ne 
benstellen waren in Swinemünde und Stettin eingerichtet. 
Als Ergänzung der Loeberschen Arbeit kann ein kleines Büchlein von Jürgen E. Kroeger ange 
sehen werden (Jürgen E. Kroeger. Eine baltische Illusion. Tagebuch eines Deutsch-Balten aus den 
Jahren 1939-1944, Verlag  o. J. 1973? broschiert, 96 Seiten.) Hier wird 
aus der Sicht eines der Umgesiedelten, des Landwirts Kroeger, mit großer Ehrlichkeit geschildert, 
wie aus der anfänglichen Zustimmung und Dankbarkeit im Alltag des Lebens in der „neuen Hei 
mat“ im Warthegau Enttäuschung, Erbitterung und Zorn erwachsen. Kroeger gehörte zu den re- 
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