Skip to main content

Full text: Jugenderinnerungen einer Stettiner Kaufmannstochter

Die Familie meiner Mutter 
23 
Stunde. Die Mutter wagte sich wenig noch von ihr weg, 
und so fühlte sich der Vater verpflichtet, als am 5. Dezem 
ber die Befreiung Stettins wie alljährlich mit einem 
großen Ball gefeiert wurde, seine jüngste, eben erwachsene 
Tochter Elise auf dieses Fest zu führen. Die Sechzehn 
jährige feierte ihre ersten Ballsreuden, als der Vater sie 
abrief, so schnell als möglich nach Hause führte und ohne 
Erklärung allein ließ. Seine Frau hatte nach ihm ge 
schickt, Marie lag in schweren Wehen. Aus dem über 
heißen Lokal ging der erregte Mann in die Winterkälte 
hinaus, lief zum Arzt, dann stundenlang auf den Straßen 
umher, weil er sich den Leiden seines Kindes nicht ge 
wachsen fühlte. Am nächsten Morgen schrie bei Köhlaus 
ein gesunder Junge, der Großvater aber suchte frierend 
sein Bett auf. Eine heftige Erkältung hatte ihn ergriffen, 
und während seine Frau mit ihm noch um die Tochter 
sorgte und bei dieser wachte, ging sein Lebensfaden in 
wenigen Tagen zu Ende. Nach schwerem Kampfe starb 
er in den Armen seiner Tochter Elise, dieser besonders 
Mutter und Bruder an das Herz legend. Wenige Wochen 
vor dem Tage, an dem die einst eingegangene Ver 
pflichtung erlosch, an dem das Kapital zurückgezahlt 
werden sollte, einige Monate vor seiner silbernen Hochzeit, 
der er lebenslang hoffnungsvoll entgegengesehen hatte, 
schlossen sich dieses Mannes Augen für immer. Und die 
Kinder glaubten monatelang auch die Mutter hergeben 
zu müssen, die sich einem an Wahnsinn grenzenden 
Schmerz überließ. Der Schwiegersohn Köhlau über 
nahm die Leitung der geschäftlichen Angelegenheiten 
ohne Ahnung oder Verständnis für die Lebensarbeit 
seiner Schwiegereltern, ohne kaufmännische Voraussicht. 
Als vorsichtiger Mann hielt er es für richtiger in dem
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.